In letzter Zeit gab es viele Momente, in denen ich mich sehr aufgeregt habe.
Für mich waren es sehr unterschiedliche Momente in völlig unterschiedlichen Lebenszusammenhängen.
Mal ärgerte ich mich auf der Arbeit, mal über einen Freund, mal über Menschen beim Einkaufen, mal über Politiker*innen.

Und dann gab es da einen Moment, in dem ich den Zusammenhang zwischen all dem Ärger erkannte. Richard David Precht (Philosoph) war in einer Talkshow und erzählte dort, dass er in unserer Gesellschaft den Verlust des Sinns des Gemeinwohls erkennt. Alle wollen Rechte haben und fordern sie ein, aber nicht viele sehen ihre Pflichten. Wir werden alle zu Konsument*innen und fordern nur noch – egal in welchem Bereich.

Mir fiel ein, dass ich vor einigen Jahren auf Ameland war und mir eine Einheimische erzählte, dass sie Nothelferin auf der Insel sei und sie einen Einsatzplan habe, wann sie dran ist, wenn etwas auf der Insel passiert. Als ich meine Bewunderung ausdrückte, guckte sie mich erstaunt an und sagte, dass alle Einheimischen bis auf Kinder und Alte einen solchen Dienst haben, da das gemeinsame Leben auf der Insel sonst nicht funktioniert – mal abgesehen von dem gemeinsamen Spaß bei Übungen und Festen.
Sie fragte, ob es das bei uns denn nicht gäbe.

Nach kurzer Überlegung fiel mir die freiwillige Feuerwehr ein, die von Bedeutung ist, weil die nächste Berufsfeuerwehr zu weit weg ist. Aber selbst die haben Nachwuchsschwierigkeiten.

Mir begegnen immer mehr Menschen, die mich bei ehrenamtlichen Tätigkeiten fragen, warum soll ich das machen, was bringt mir das?

Kann eine Gesellschaft nur aus Egoist*innen existieren? Reicht es, wenn es mir und meinen Liebsten gut geht? Wird die Schere zwischen Reich und Arm dann nicht noch weiter auseinander gehen? Wird der Neid nicht noch größer und dadurch eventuell auch die Kriminalität? Wird es noch Menschen geben, die freiwillig für die Polizei, im Pflegedienst oder im Sanitätsdienst arbeiten für wenig Geld und unter heftigen Anfeindungen?

Ich brauchte diese Erkenntnis, um mich nicht mehr in meinen Ärger rein zu steigern. Und bestenfalls folgt nach einer Erkenntnis auch eine Verhaltensänderung.

Gerade wir Christ*innen sollten uns doch wohl für die Armen und Schwachen einsetzten. Was ist aus den Worten geworden „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“? Jesus wurde von einem Gelehrten gefragt: „Wer ist denn der Nächste?“ Und Jesus erzählte ihm von einem Mann, der überfallen wurde und verletzt liegen gelassen worden ist. Ein Priester sah ihn und ging vorüber, ebenso ein weiterer Mann. Dann kam der barmherzige Samariter, versorgte ihn, brachte ihn in eine Herberge und bezahlte diese für ihn. Wer wurde dem überfallene Mann wohl zum Nächsten? (Lk, 10, 25-37).

Herr,
ich bin dankbar dafür,
dass ich in Deutschland lebe und viele Rechte habe.
Lass mich darüber aber nicht meine Verantwortung für die Gemeinschaft vergessen.
Hilf uns zu erkennen,
dass wir nicht auf die Kosten von anderen leben können.
Lass uns für uns,
unsere Liebsten
und den Nächsten ein Segen sein.
Amen.

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