In der Coronazeit werden immer wieder Menschen laut, die sagen, dass Kultur systemrelevant ist.

Auch ich merke, dass meine Seele Futter braucht, mein Geist Inspiriation und meine Füße Musik zum Tanzen.

Wie sehr freute ich mich, als mich in meinem Alltag neue Musik überraschte und irgendwie war es, wie einen alten, vergessenen Freund wieder zu treffen. Denn früher war ich auf Konzerten von dieser Frau. Freudig habe ich mir sofort das Album angehört (Technik sei Dank) und zwei Lieder haben mich sofort gefangen genommen, da sie das Thema aufgriffen, was wir einen Abend vorher in einem Arbeitskreis hatten.

Julia Neigel: Hoffnung

 

Ja, wir leben auch in der Coronazeit aus unserer Hoffnung. Und das ist auch gut so!
Aber niemand kann die ganze Zeit nur Hoffnung ausstrahlen. Denn es gibt einfach auch Dinge, die einen runterziehen. Das Leben ist nicht nur Instagram-schön.

Und dann kam ein weiterer Song auf dem Album – der leider noch nicht für alle sichtbar veröffentlicht ist, deshalb hier der Text:

 

Tief in meiner Seele

Draußen ist die Welt noch wie sie scheint,
draußen läuft fast noch alles normal.
Vielleicht ist das der Grund, dass keiner weiß,
in mir drin ist nicht alles makellos und glatt,
weil ich in mir noch so viel Leben hab,
die Luft ist ruhig und alles still.

Doch Tief in meiner Seele tobt ein Sturm
Und wenn er aufbricht, kann ihn keiner lenken
Tief in meiner Seele tobt ein Sturm
Er reißt mich einfach fort
Hinter meiner Stirn ist ein Orkan
In seinem Auge kann ich wieder denken
In diesem einen tristen Alltagswahn behalt ich ihn dort.

Alles um mich rum ist so perfekt.
Die Wirklichkeit schon lange nicht mehr echt,
als ob man keine Luft zum Atmen braucht.
Ich weiß genau du siehst es auch.
In mir ist auch für Fehler Platz.
Etwas, dass mir manchmal selbst nicht passt.
Doch ich weiß mehr.

Ref.:
Was macht dich aus?
Was schreit in dir?
Vielleicht ist gerad meine Schwäche die größte Stärke in mir.
Draußen ist alles still, die Luft ist ruhig.

 

Genau, denn manchmal tobt in mir ein Sturm und auch das ist total berechtigt. Es ist okay, dies zu sagen, darüber zu jammern oder sich bei irgendwem auszuweinen. Vielleicht ist die Luft nach dem Sturm wieder klar und man kann wieder ein Stück hoffnungsvoll seinen Weg gehen.

Josua, der Sohn von Moses Diener, wagt sich auf neues Terrain. Gott gibt ihm diese Zusage: „Habe ich dir nicht befohlen: Sei mutig und stark? Fürchte dich also nicht und hab keine Angst, denn der Herr, dein Gott, ist mit dir überall, wo du unterwegs bist. (Jos 1,9)“

Gott weiß, dass der Mensch ängstlich ist, doch er will uns Hoffnung schenken.

 

Liebender Gott,
auch ich brauche manchmal deinen Zuspruch,
durch dich selbst oder durch Menschen,
die du mir schickst.
Dann kann auch ich wieder hoffnungsvoller sein,
und anderen Menschen zuhören und Kraft geben.
Hilf mir dabei.
Amen.

Dieser #betblog wäre ohne die Inspiration der Kulturschaffenden so definitiv nicht entstanden. DANKE an alle, die uns mit ihren Gedanken, ihrer Kunst bereichern.

 

 

Ein Leben besteht immer aus Entscheidungen.
Da gibt es die kleinen Entscheidungen:
Welche Pizza bestelle ich mir?  So was kann ich super!

Dann gibt es so mittlere Entscheidungen, das fiel mir gestern bei dieser Situation auf: Eine Teenagertochter versuchte ihren Vater davon zu überzeugen,  dass sie unbedingt ein neues Bett braucht. Der Vater guckte irritiert und sagte: „Das wäre dann dein 5. Bett, nach Kinderbett, Holzbett, Hochbett und dem weißen Bett.“

Zeiten ändern sich – mein Bett hat mich immer mehr als durchschnittlich 10 Jahre begleitet.

Und dann gibt es die großen Entscheidungen – Lebensentscheidungen!
Ein ehemaliger Freund von mir hatte schon mit 28 Jahren ein Haus gekauft, eine eigene Firma gegründet und seinen Studienabschluss in der Tasche – und das zu Zeiten, als es noch Zivildienst gab.

Bei den großen Lebensentscheidungen hadere ich. Es ist oft das Gefühl, als ob ich an einer Kreuzung stehe, mich entscheide, abzubiegen und hinter der anderen Kreuzung aber das Glück vermute. Oder vielleicht kennst du das ja auch von Raucherinnen und Rauchern, die oft an der Haltestelle sagen: „Wenn ich mir jetzt eine Zigarette anzünde, dann kommt der Bus bestimmt sofort!“

Das führt allerdings dazu, dass ich manche Entscheidung nicht treffe und echt lange warte.
Jetzt stehe ich mal wieder vor so einer Entscheidung. Manchmal jubel ich und denke: „Klar, das mache ich!“ und an anderen Tagen zucke ich zurück und will den Kopf am liebsten in den Sand stecken. Mit der Wahl entschiede ich mich für einen Ort, gegen andere Orte, für etwas für die nächsten Jahre und nicht für das Weiterziehen. Für mich und vielleicht gegen andere.

Oje!

Dann hilft manchmal die Frage: „Was ist denn das Schlimmste, was passieren könnte, wenn du dich dafür entscheidest?“ Und ehrlich – da ist nichts schlimmes – aber sag das mal meinem Gefühl.

Maria konnte sich sicherlich nicht entscheiden, dass sie Gottes Sohn gebären wird. Aber sie konnte die Prophezeiung des Engels ernst nehmen. Sie hat ihre Beziehung zu Josef aufs Spiel gesetzt, der sich dann glücklicherweise trotzdem für sie und das Kind entschieden hat. Marias Lebensentscheidungen war, dass sie ihr ganzes Leben für Jesus da sein würde, auch wenn er sie bei der Hochzeit zu Kanaa anraunzte oder ihre Mutterrolle klein redete, weil er lieber bei seinem echten Vater im Tempel sein wollte. Sie stand zu ihrer Entscheidung mit allen Höhen und Tiefen (Lukas, 1, 26-38 und mehr)

Liebender Gott,
lass mich Neues wagen,
auch wenn nicht alles sicher scheint,
schenke mir den Mut,
um neue Erfahrungen zu machen
und das Vertrauen in dich und die Welt.
Lass mich dabei nicht fahrlässig werden
und süchtig nach Neuem.
Schenke allen,
denen es ähnliche ergeht,
gute Wegbegleiter*Innen und
belohne sie für ihren Mut.
Amen.

Vor einiger Zeit saß ich in der Bahn, auf meinem Weg zur Uni. Wie jeden Morgen war sie bis zum Zerbersten gefüllt. Die gute Laune der Insassen hielt sich dementsprechend in Grenzen.

Mir gegenüber saß ein Mann, der einen Kinderwagen vor sich abgestellt hatte. Er lächelte, obwohl viele Menschen um ihn herum standen und ihm unmutige Blicke zuwarfen, weil sein Kinderwagen viel Platz einnahm. Der Mann aber hatte seinen Blick auf das Kind geheftet, das vor ihm im Kinderwagen saß. Es fuchtelte mit den Armen und gluckste fröhlich herum. Noch immer lächelte der Mann. Und selbst als die Trinkflasche aus der Hand des Kindes glitt und auf dem Boden landete, was andere Fahrgäste mit Grummeln kommentieren, lächelte er weiter. Er entschuldigte sich, drückte dem Kind die Flasche wieder in die Hand und lächelte es weiter an. Ich konnte meinen Blick nicht von ihm abwenden. Es ist dieses selige Lächeln, hinter dem so viel Zufriedenheit steckt. Ein liebevolles Lächeln.

Es ist bewundernswert. Da saß dieser Mann in einer Menge von Menschen, die schlechte Laune ausstrahlen, mit einem sabbernden Kind vor sich und konnte sein Lächeln einfach nicht abschalten. Das muss wahre Vaterliebe sein.

Ich denke, es ist genau diese Art der Liebe, die gemeint ist, wenn in der Bibel gesagt wird “Seht, welche Liebe uns der Vater geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es.” (1. Joh 3,1). Gott liebt uns wie dieser Mann sein Kind und findet Freude an uns, auch wenn andere die Augen verdienen. Wir können nicht aus seiner Liebe fallen.

 

Guter Gott, unser Vater,
wir heißen Kinder Gottes,
da du uns wie ein liebender Vater (oder eine liebende Mutter) liebst,
auch wenn wir falsche Entscheidungen treffen.
Hilf uns, diese Liebe auch anderen Menschen entgegen zu bringen.
Amen.

Letztens musste ich einfach mal raus. Raus aus meiner Wohnung, meiner Stadt, raus aus allem. Einmal den Kopf frei bekommen, durchatmen, etwas Neues sehen.

Also habe ich etwas gemacht, was ich von mir selbst nicht erwartet hätte: ich habe kurz den Rucksack gepackt, bin und Auto gestiegen und einer Schnapsidee gefolgt:

Einen Tag am Meer verbringen.

Schon auf der Hinfahrt steigt die Vorfreude:

Lesen. Sonne. Musik hören. Die Füße in den Sand stecken. Wellenrauschen.

Natürlich will ich nicht zu allen Touristen und Badegästen in den Sand, daher habe ich mir einen Ort ausgesucht, der etwas versteckter liegt. Abseits der Orte, zwischen Bäumen versteckt.

In dem Moment, in dem ich die Füße im Sand habe und den ersten Atemzug nehme, fühle ich mich wie neu geboren. Ich atme tief ein und aus, lasse die Seeluft meine Lungen ausfüllen. Ich bin angekommen, am Meer, aber auch bei mir. Ich tanke Sonne, Luft, und vor allem, neue Energie.

Auf der Rückfahrt musste ich irgendwann unweigerlich an diesen Song der Fantastischen Vier denken:

Darin gibt es eine Stelle, die dieses Gefühl, dass ich in diesem Moment gefühlt habe, haargenau zusammenfasst:

Du atmest ein, du atmest aus
Dieser Körper ist dein Haus
Und darin kennst du dich aus
Du lebst
Du bist am Leben
Und das wird dir bewusst
Ohne nachzudenken […]
Du spürst die Lebensenergie
Die durch dich durchfließt
Das Leben wie noch nie in Harmonie und genießt
Es gibt nichts zu verbessern
Nichts was noch besser wär’
Außer dir im Jetzt und Hier
Und dem Tag am Meer


Auch, wenn seit dem einige Tage vergangen sind, bleibt eine gewisse Entspannung zurück. An diesem einen Tag habe ich nicht nur mal wieder Kraft getankt und Zeit für mich gehabt, sondern vielleicht auch eine Gotteserfahrung gemacht. Schließlich heißt es ja: “Er [Gott] gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.” (Jes. 40,29).

Guter Gott,
manchmal brauchen wir einen Moment,
in dem wir wieder auftanken können.
Danke, dass wir ihn in dir und deiner Schöpfung finden.
Erinnere uns in stressigen Zeiten an diese notwendigen Pause.
Amen.

Letztes saß ich endlich mal wieder mit einem Freund zusammen und wir machten uns einen netten Abend, was ja in Corona-Zeiten echt zu Mangelware geworden ist. Irgendwann kamen auch die intensiveren Themen auf und bei einem Thema guckte der Freund mich an und sagte: „Ja, können wir gerne drüber sprechen, aber nicht heute Abend!“
Wow, ich war beeindruckt. Er wusste sofort, dass er heute Abend nicht über das Thema sprechen wollte. Ich war kein Stück beleidigt oder fühlte mich zurückgewiesen oder so etwas, sondern ich war echt nur beeindruckt.

Ich kann das nämlich leider nicht. Mir geht es oft so, dass ich im Gespräch feststelle, dass ich vergessen habe Nein zu sagen und mir fällt dann nicht ein, wie ich das Thema beenden kann. Manchmal fällt es mir sogar erst auf dem Heimweg ein und ich ärgere mich, dass ich das Thema überhaupt mit der Person besprochen habe. Ich wünsche mir sehr, dass ich mein Gefühl wahrnehme bevor mein Mund schon begonnen hat zu sprechen – lerne meinem eigenen Tempo zu folgen.
Vielleicht muss man gewisse Dinge auch erst einmal für sich denken, damit man sie, in einer der nächsten Situationen dann auch umsetzten kann.

Was wäre wohl aus Jesus Auftrag geworden, hätte er zu allem „Ja“ gesagt?
Jesus hat sich Zeit für sich und auch für einzelne Menschen genommen.
Als man ihn rief, weil sein Freund Lazarus krank war, nahm er sich zwei Tage Zeit um dem Hilferuf zu folgen. Als er ankam, war Lazarus schon tot. Wie gut, dass Jesus die Fähigkeiten hatte Lazarus wieder zum Leben zu erwecken. (Joh 13, 42ff) Jesus war in dem Fall derjenige, der agierte und nicht nur reagierte.

 

Herr,
schenke mir Geduld mit mir selbst.
Damit ich nicht nur auf alles in meinem Leben reagiere,
sondern selbst entscheide,
was wann für mich gut ist.
Hilf mir meine Gefühle wahrzunehmen
und in den richtigen Momenten „Nein“ zu sagen.
Lass mich Verständnis haben für andere Menschen,
die auch lernen „Nein“ zu sagen
oder hilf mir sie zu unterstützen.

Amen.

Vor einiger Zeit war ich mal wieder zu Besuch bei meinen Großeltern.

Da Oma nicht mehr gut zu Fuß ist, sich aber die Getränke sich im Keller befinden, bat sie mich, nach unten zu gehen und einige Flaschen nach oben in die Wohnung zu holen. Kein Problem, Schuhe an und ab in Richtung Keller. Als ich die Tür aufschließe, kommt mir ein Geruch entgegen. Man könnte ihn müffig oder alt nennen, aber für mich ist er in diesem Moment viel mehr als das. Bilder schießen in meinen Kopf:

Opa zeigt mir, wie man einen Hammer richtig benutzt, um Nägel in Brett zu schlagen.
Ich als Kind vor der Waschmaschine, wie ich der Trommel beim Drehen zuschaue.
Wasser schöpfen nach einem starken Regentag.

Für einen Moment lang bin ich wieder Kind und lerne die Welt neu kennen. Alles nur dank eines Geruchs.

Fynn Kliemann, selbsternannter Heimwerkerkönig, aber vor allem auch Musiker, fasst das in seinem Song “Regen” sehr gut zusammen:

Noch immer in der Luft, was ich fast vergessen hab’
Ich weiß gar nichts mehr aus meiner Kindheit, alles nur gehetzt […]
‘N paar Sachen, die ich nicht vergesse, bleiben immer jetzt […]
Der Duft brennt sich ein

Das alles hat auch etwas sehr Gutes. In den letzten Monaten, in denen ich die beiden nicht besuchen konnte, stand ich teilweise bei mir im Keller, habe den Geruch der Waschküche eingeatmet und die Bilder wieder hervorgerufen.

Diese Verknüpfung ist es vielleicht auch, die Jesus meint wenn er beim Brechen des Brotes sagt: “Tut dies zu meinem Gedächtnis!” (1 Kor 11,23–26). Wenn wir gemeinsam das Brot brechen, sollen wir an Jesus denken – so ich bei Kellergeruch an meine Großeltern denke.

Guter Gott,
danke, dass mich so einfache Dinge an so schöne Momente erinnern.
Gib, dass diese Erinnerungen für immer bleiben.
Hilf uns, neue Erinnerungen zu speichern,
damit sie und Kraft und Wärme geben können.
Amen.

Da sitzen wir zusammen, zwei Frauen, Mitarbeiterinnen in der Kirche, und unterhalten uns über Gott und die Welt. Echte Feministinnen sind wir, glaube ich, beide nicht. Wir kommen noch aus Zeiten, wo man sich als Frau auch bei dem Wort „Mitarbeiter“ angesprochen fühlte (bzw. fühlen musste). Aber inzwischen achten wir viel mehr auf unsere Sprache, auch wir beide.

Gerade wenn wir dann bei der Frage nach der Weiblichkeit Gottes auf Maria oder die Weisheit, die er erschaffen hat, verwiesen werden, zucken wir zusammen. Denn es ging ja nicht darum, was es um Gott alles an guter Weiblichkeit gibt, sondern welche weiblichen Anteile Gott hat.


Und während unsere Gedanken sich um dieses Thema drehen, geht dieses Video viral:

Klar, es ist Satire und wie Satire nun mal so ist, ist sie an einigen Stellen sehr auf die Spitze getrieben.

Was aber auch zu Satire gehört, ist, dass vieles auf einem wahren Kern beruht.

Ich stell mir gerade vor, was meine Mutter mir erzählt hätte, wenn ich ihr eine Straftat beichten würde, weil alle anderen das ja auch gemacht hätten. Oh Mann, da wäre mir der Kopf gewaschen worden. Und zwar zu recht.

Aber bei Adam und Eva ist es ganz klar, dass Eva die Böse ist und Adam verführt hat. So entsteht die Erbsünde, die die Menschen vom Göttlichen trennt (Gen 3.) Gott schickt seinen Sohn als MENSCH auf die Erde, um die Menschheit mit dem Göttlichen wieder zu vereinen. Und wenn Jesus als Mensch auf die Erde kommt, vereint er dann nicht alles in sich – Mann, Frau und auch Diverses?

Und auch wenn es Maria 2.0 gibt, wo sich neben sehr vielen Frauen auch Männer beteiligen, so entscheiden die „hohen Herren“ darüber, wie es mit der Frau in der Kirche weitergeht. Da stellt sich doch die Frage, wie kann ich und wie können junge moderne Menschen heute noch gut Mitglied in der katholischen Kirche sein? Ist die einzige Macht, die sie haben, die Macht der Füße – also gehen austreten?

Blöd nur, wenn sie doch eigentlich gerne bleiben würden…

Und plötzlich ist alles anders. Von heute auf morgen bin ich ohne Vorwarnung einfach ausgebremst worden. Nichts geht mehr. Mein Leben ist auf Pause gedrückt. Wie ein spannender Cliffhanger am Ende einer guten Serienfolge. Es fühlt sich an, als ob ich nun ein Jahr auf die nächste Staffel warten muss. Wie geht es jetzt weiter? Die Spannung ist kaum auszuhalten. Was soll ich in der Zwischenzeit machen?

Alle Pläne, Wünsche und Hoffnungen, die ich für die nächsten Wochen und Monate, ja vielleicht sogar für das ganze Jahr hatte, wurden über Bord geworfen. Es macht mich traurig, einen Termin nach dem anderen aus meinem Kalender zu löschen oder auf das nächste Jahr zu verschieben. Plötzlich ist alles leer. So muss sich der Agent Michael Westen in der Serie „Burn Notice“ fühlen, als er von seinen Vorgesetzten kaltgestellt wird und sich sein Leben von heute auf morgen komplett ändert.

Die ganze Situation erinnert mich an die Bibelgeschichte über Abraham, welcher in ein neues und ihm völlig unbekanntes Land zieht und dort sein Leben noch einmal neu beginnt. Abraham lässt sich dabei von Gott leiten und vertraut darauf, dass alles für ihn und seine Familie gut verläuft. Und so geschieht es schließlich auch. (Gen. 12, 1-9)

Manchmal muss man vielleicht einfach nur vertrauensvoll einen neuen Weg gehen. Neue Perspektiven wahrnehmen und andere Möglichkeiten in Betracht ziehen.

Es dauert einige Zeit nach dem absoluten Stillstand, dass ich mich langsam von diesem Pausengefühl wieder erhole. Es ist an der Zeit neue Pläne zu schmieden und den Kalender mit neuen Terminen zu füllen.

Guter Gott,
ich danke dir,
dass ich voll Vertrauen in dich sein kann.
Du gibst mir den Mut, neue Wege zu gehen,
verschiedene Dinge auszuprobieren und andere Perspektiven zu finden.
Durch dich schöpfe ich immer wieder neue Energie
und kann mit einer inneren Kraft zuversichtlich nach vorne blicken.
Amen.

Vor einigen Monaten habe ich an einem Bahnhof folgende Werbung gesehen:

 

Damals fand ich diese Gegenüberstellung einfach sehr amüsant und hielt sie für eine gute Werbestrategie der Deutschen Bahn. Jetzt, einige Monate und den Ausbruch einer Pandemie später, musste ich noch einmal an diese Werbung denken. Dieses Jahr ist wie kein anderes geprägt von Reisewarnungen, abgesagten Flugreisen und Urlauben in Deutschland. Vielleicht ist es da gar nicht so schlecht, die Sehenswürdigkeiten anderer Länder auch in Deutschland zu suchen.

Bei mir hat die aktuelle Situation auf jeden Fall zu einem Umdenken geführt. Auf meiner Reiseliste standen bisher die großen Weltstädte: Paris, New York, Sydney, Barcelona. Jetzt schleichen sich auch immer kleine, deutsche Städte dazwischen: Bamberg, Erfurt, Lüneburg, Heidelberg. Alle diese Städte bieten eine breite Auswahl an schönen Gebäuden, traumhaften Altstädten und anderen Sehenswürdigkeiten. Muss es also immer der lange Flug sein, um etwas Neues zu sehen? Manchmal reicht es, seine Perspektive zu ändern und sich auf das zu konzentrieren, was im nahem Umfeld zu finden ist.

Oft führt ja ein Ereignis zu einem Perspektivwechsel. Das ist wie mit dem Zöllner Zachäus in der Bibel (Lk 19, 1-10). Seine Begegnung mit Jesus führt nicht nur zu einem buchstäblichen Perspektivwechsel, bei dem er auf einen Baum klettert, sondern auch zu einem Umdenken bei ihm. Er wird sich bewusst, was er hat und was er damit alles erreichen kann.
Vielleicht ist das ja mit der aktuellen Zeit genau so.

Gott,
in der heutigen Zeit müssen wir manchmal umdenken.
Manchmal sehen wir nur die Niederschläge:
Absagen, Ausfälle, Probleme.
Hilf uns, eine neue Perspektive zu bekommen 
und schenke uns Weitsicht, damit wir
das Gute in unserer Nähe erkennen können.
Amen.

 

Ist dir schon mal aufgefallen, dass die gleiche Situation eine völlig neue Bedeutung bekommt, wenn der Grund für die Situation ein anderer ist?

Mir ist das schon vor Jahren in einer Situation aufgefallen.
Ich hatte mein Auto mit meinem Vater zur Inspektion gebracht und mein Vater fuhr mich wieder nach Hause. Nun saß ich in meiner Wohnung und konnte tun und lassen, was ich wollte. Dass mein Auto aber nicht vor der Tür stand wie sonst, nervte mich voll. Es gab mir das Gefühl, festzusitzen und ich fühlte mich in meiner Freiheit eingeschränkt.

Oder letztens wartete ich auf ein Paket. Ich war in meiner Wohnung und konnte tun und lassen, was ich wollte. Aber ich war mies drauf, weil ich auf das Paket wartete. In beiden Situationen hätte ich auch ohne den äußeren Anlass die Wohnung in der Zeit vermutlich nicht verlassen.

Und jetzt: Corona

Ich sitze in meiner Wohnung und neben der Arbeit im Homeoffice, kann ich tun und lassen, was ich will. Was ich in meinem Urlaub schätze und genieße, wird plötzlich an manchen Tagen zur Herausforderung. Ich darf zur Zeit nicht ins Kino, nicht in die Kirche, nur eingeschränkt shoppen, nicht zu Konzerten, nicht mit mehr als zwei Wohneinheiten essen gehen, etc.
Wenn ich mal ganz ehrlich bin: vieles davon täte ich eh nicht.

Die Dinge, die ich gerne täte – Menschen umarmen und ohne Mundschutz leben – würde ich zur Zeit auf jeden Fall sein lassen, um meine Lieben und mich eben zu schützen.

Dinge, die man freiwillig wählt, fallen einem viel leichter.
Maria setzte sich zu Jesus und seinen Jüngern und hörte gespannt den Erzählungen zu. Martha dagegen  stand in der Küche und schuftete, um alle mit Essen und Getränken zu versorgen. Als sie Jesus aufgebracht fragte, ob er Maria auffordern könne, ihr in der Küche zu helfen, tat Jesus dies nicht, sondern unterstütze Maria in ihrem freiwilligen Tun. (Lk 10, 38ff).
Die fehlende Freiwilligkeit bei Martha führt sogar dazu, dass sie neidisch auf ihre Schwester guckt.

 

Herr,
ich danke dir sehr für die Freiheit,
in der ich leben kann.
Selbst die Einschränkungen durch Corona
sind klein,
wenn man mal auf die gesamte Welt guckt.
Gib mir Geduld Dinge durchzuhalten und zu ertragen,
wenn ich sie mir nicht freiwillig ausgesucht habe.
Und vielleicht hilft es mir ja auch,
wenn ich Aspekte der Freiwilligkeit
in „angeordneten“ Situationen suche.
Amen.